Die Amalfiküste zwischen Neapel und Salerno gehört zu den meistbesuchten Küstenabschnitten Europas. Die schmalen Gassen von Positano, Praiano und Amalfi stoßen in der Hochsaison jedoch zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen. Im Zentrum der Debatte stehen Tagesgäste von Kreuzfahrtschiffen, die für Stunden in die Ortschaften strömen und anschließend wieder an Bord zurückkehren, ohne in der Region zu übernachten.
Hoteliers und Anwohner beklagen Überlastung
Salvatore Gagliano, Inhaber eines Fünf-Sterne-Hotels in Praiano, schilderte gegenüber dem britischen Telegraph die Situation vor Ort: Die engen Straßen seien bei hohem Besucheraufkommen schlicht nicht befahrbar. Bilder vom ersten Mai-Wochenende 2026, die in sozialen Netzwerken verbreitet wurden, zeigten dichte Menschenmengen in den Gassen von Positano. Gagliano fordert eine Begrenzung der Kreuzfahrtanläufe. Sein Argument: Große Tagesgastzahlen schrecken zahlende Hotelgäste ab und senken damit die wirtschaftliche Attraktivität der Region für den stationären Tourismus.
Auch in sozialen Netzwerken äußerten sich Anwohner, darunter Kommentare auf Facebook, die beschreiben, dass man sich zeitweise in die eigenen Wohnungen zurückziehen müsse. Bürgermeister Daniele Milano von Amalfi erklärte in einem Facebook-Video, Bürger und Gewerbetreibende hätten berechtigten Grund zur Kritik. Er verwies auf ein Programm zur Steuerung der Besucherströme, das seine Gemeinde bereits vor zwei Jahren vorgestellt habe, ohne bislang zu konkreten Ergebnissen geführt zu haben.
Kleine Schiffe, großer Streit
Ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte häufig unerwähnt bleibt: Die Ortschaften direkt an der Amalfiküste werden nicht von großen Kreuzfahrtriesen angesteuert. Die Küstenlinie ist für solche Schiffe schlicht nicht zugänglich. Angelaufen werden die Orte ausschließlich von kleineren Einheiten mit maximal rund 1.000 Gästen an Bord. Ein erheblicher Teil der Tagesgäste reist darüber hinaus nicht direkt von Kreuzfahrtschiffen an, sondern mit Bussen oder privaten Fahrzeugen ab den größeren Häfen Neapel und Salerno oder aus anderen Teilen der Region. Letztere Besuchergruppe lässt sich durch etwaige Anlaufbeschränkungen für Kreuzfahrtschiffe nicht erfassen.
Die wirtschaftliche Debatte ist ebenfalls differenziert. Kreuzfahrtgäste gelten gemeinhin als Besucher mit vergleichsweise geringen lokalen Ausgaben, da Mahlzeiten, Unterkünfte und viele Aktivitäten bereits an Bord konsumiert werden. Gesamtwirtschaftliche Effekte der Schiffsanläufe, etwa Transportdienstleistungen, Souvenirhandel und Hafengebühren, werden in dieser Kritik häufig nicht berücksichtigt. Eine belastbare Aufschlüsselung, welcher Anteil der Besucherzahlen konkret auf Kreuzfahrtanläufe zurückzuführen ist, lag zum Redaktionsschluss nicht vor.
Regulierung in der Diskussion, noch keine Beschlüsse
Verbindliche Beschränkungen gibt es an der Amalfiküste bislang nicht. Die aktuellen Forderungen nach einem Kreuzfahrt-Stopp haben nach aktuellem Stand keine unmittelbaren rechtlichen Folgen. In anderen europäischen Städten wurden vergleichbare Debatten bereits mit konkreten Maßnahmen beantwortet: Venedig etwa beschränkte seit 2021 den Zugang großer Kreuzfahrtschiffe zum historischen Zentrum, Dubrovnik begrenzte die Zahl der täglichen Schiffsanläufe und erhob Abgaben. Ob die italienischen Zentralbehörden oder die Regionalverwaltung Kampanien vergleichbare Instrumente für die Amalfiküste prüfen, war zum Redaktionsschluss nicht bekannt.
Kreuzfahrtbranche meldet Rekordwerte
Die Diskussion um Besucherströme fällt in eine Phase, in der die Kreuzfahrtbranche weltweit wächst. Der internationale Kreuzfahrtverband CLIA veröffentlichte für das Jahr 2025 einen Rekordwert von 37,2 Millionen Passagieren weltweit, ein Zuwachs von rund 7,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die USA stellen mit 20,6 Millionen Reisenden den größten Einzelmarkt. Deutschland liegt mit 2,8 Millionen Kreuzfahrenden an zweiter Stelle. Der Verband prognostiziert bis 2042 ein Passagieraufkommen von 42 Millionen jährlich. Ob und wie sich dieses Wachstum auf ohnehin belastete Destinationen wie die Amalfiküste auswirkt, bleibt eine offene politische Frage.

















